EU-Taxonomie in der Praxis – Der Weg ist bereitet

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Die „EU Taxonomie“ ist sicher eines der meistgenutzten Schlagworte im Sustainable Finance Kontext seit Veröffentlichung des EU Aktionsplans zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums im März 2018. Der EU-Aktionsplan stellte damals heraus, dass das geteilte Verständnis über den Kern nachhaltiger Tätigkeiten die Basis einer Neuausrichtung von Kapitalflüssen zugunsten nachhaltiger Investments sei. Erst eine einheitliche Klassifizierung nachhaltiger Aktivitäten über alle EU Staaten hinweg ermöglicht es schließlich, die tatsächliche Transparenz über den Grad der Nachhaltigkeit von Unternehmen, Sektoren oder auch ganzen Volkswirtschaften zu schaffen und das beabsichtigte Marktvolumen zu mobilisieren. Sie kann als Basis für die Bewertung der Nachhaltigkeit von Finanzprodukten dienen und unterstützt gleichzeitig den Kampf gegen das Greenwashing. Die Einführung eines entsprechenden Klassifikationssystems für nachhaltige Tätigkeiten sei daher gemäß EU Kommission eine der wichtigsten und dringlichsten Vorhaben des Aktionsplans gewesen.

Kernelemente der EU-Taxonomie

Gut 2 Jahre später – im März 2020 – legte eine von der EU Kommission eingesetzte Technical Expert Group ihren technischen Bericht zur vorgeschlagenen Funktionsweise der EU Taxonomie vor. Auf 67 Seiten beschrieben die Experten das konzeptionelle Grundgerüst der zu entwickelnden Taxonomie. In einem knapp 600 Seiten umfassenden Anhang erläuterten sie zudem, wie die Methodik angewendet werden kann und leiteten eine Liste aus knapp 70 ökonomischen Aktivitäten ab, die mit Blick auf zwei der sechs EU-Umweltziele – nämlich Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel – als „nachhaltig“ klassifiziert werden können.

Eine ökonomische Aktivität gilt gemäß Taxonomie als nachhaltig, wenn sie vier Kriterien erfüllt:

  1. Sie muss einen substanziellen Beitrag zur Erreichung mindestens eines der sechs EU-Umweltziele leisten. Diese sind Klimaschutz, Anpassung an den Klimawandel, Nachhaltige Verwendung und Schutz von Wasser und Meeresressourcen, Übergang in eine Kreislaufwirtschaft, Vermeidung und Verminderung von Umweltverschmutzung, Schutz und Wiederherstellung von Biodiversität und Ökosystemen.
  2. Sie darf keines der anderen EU-Umweltziele substanziell verletzen („Do no significant harm Kriterium“)
  3. Sie muss Mindestanforderungen im Hinblick auf Governance, Menschenrechte und Arbeitnehmerrechte erfüllen
  4. Sie muss den von der EU Kommission vorgegebenen Technical Screening Criteria (TSC) entsprechen. Die technischen Prüfkriterien definieren quantitative und qualitative Metriken und zugeordnete Schwellwerte, ab denen eine ökonomische Aktivität mit Blick auf ein bestimmtes EU-Umweltziel als nachhaltig zu bewerten ist.

Anwendungsfelder der EU-Taxonomie

Parallel zum Prozess der Erarbeitung der TEG Inhalte verhandelten zunächst die EU-Mitgliedsstaaten und anschließend das EU-Parlament im Trilogprozess über eine zu erlassende Taxonomie-Verordnung, was im Dezember 2019 zu einem Ergebnis führte. Die Ende Juni 2020 in Kraft getretene Verordnung bildet den Rahmen für zukünftige Aktivitäten zur nachhaltigen Ausrichtung des europäischen aber auch der nationalen Finanzplätze. So verpflichten sich bspw. die EU und alle Mitgliedsstaaten dazu, die Kriterien in allen Vorgaben für ökologisch nachhaltige Finanzprodukte zu berücksichtigen. Dies betrifft unmittelbar die Entwicklung des EU Green Bond Standards und eines angekündigten EU Eco Labels. Gleichzeitig macht die EU Kommission zudem deutlich, dass die Taxonomie auch die Basis für zukünftige wirtschaftliche und regulatorische Maßnahmen zur Förderung eines nachhaltigen europäischen Finanzplatzes sein wird.

Schon kurzfristig könnte dies bedeuten, dass Unternehmen, die nachhaltige Anleihen nach dem in Definition befindlichen EU Green Bond Standard begeben wollen, sicherstellen müssen, dass die zu finanzierenden Tätigkeiten in Einklang mit der EU-Taxonomie stehen. Gleichzeitig wird ein EU Eco Label Privatanlegern dabei helfen, jene Finanzprodukte zu identifizieren, die zu einem signifikanten Anteil Taxonomie-konform sind. Auch Anbieter anderer Finanzprodukte, die diese mit dem Argument der Nachhaltigkeit bewerben, werden  gemäß einer aktuell in der Entstehung befindlichen Offenlegungsverordnung voraussichtlich ab 10. März 2021 unter anderem darlegen müssen, zur Erreichung welchen EU Umweltziels das Finanzprodukt beiträgt und zu welchem Anteil die Produkte mit der Taxonomie in Einklang stehen. Die steigenden Transparenzanforderungen fallen zusammen mit der Einführung der überarbeiteten MiFID II Richtlinie, nach der die Nachhaltigkeitspräferenzen der Privatanleger zukünftig während der Kapitalanlageberatung erfragt und berücksichtigt werden müssen.

Um die Datenbasis für die steigenden Transparenzanforderungen bei Finanzprodukten zu verbessern, werden parallel auch die Offenlegungspflichten für große kapitalmarktorientierte Unternehmen erweitert. Alle unter die CSR-Berichtspflicht fallenden Unternehmen werden zukünftig den Anteil ihres Umsatzes aus Taxonomie-konformen Produkten und Dienstleistungen sowie den Anteil der Taxonomie-konformen (CapEx- und OpEx-) Investitionsausgaben offenlegen müssen. Es gilt zwar auch für diesen Punkt der CSR-Richtlinie grundsätzlich der Comply-or-Explain-Ansatz. Es dürfte sich von Seiten des Finanzmarktes allerdings ein gewisser Druck zur Verbesserung der Transparenz auf die Unternehmen einstellen.  

Perspektivisch könnte dieser Druck sogar noch deutlich zunehmen. So könnte die Taxonomie auch als Maßstab für die Einführung von sogenannten Supporting Factors dienen. Ein erster Schritt in diese Richtung wurde bereits in der CRR II Richtlinie in Bezug auf Infrastrukturfinanzierungen unternommen. Demnach können diese mit einer geringeren Eigenkapitalunterlegung ausgestattet werden, wenn der Schuldner u. a. bewertet, ob die finanzierten Vermögenswerte zur Erreichung der EU-Umweltziele beitragen. Die Einführung von Penalizing Factors wäre hingegen erst dann möglich, wenn die Taxonomie um braune ökonomische Aktivitäten erweitert wird. Hierzu wurde in der Taxonomie-Verordnung (noch) keine Regelung getroffen. Stattdessen wird bis zum 31. Dezember 2021 durch die europäischen Aufsichtsbehörden (ESAs) zunächst ein Bericht erstellt werden, der die Notwendigkeit einer Brown Taxonomy und die Angemessenheit besonderer Offenlegungsanforderungen näher untersucht.  

Es ist auch naheliegend, die Taxonomie zukünftig bei der Allokation von EU-Geldern im Rahmen von Haushaltsentscheidungen (MFF) anzuwenden. So enthielt bereits der von der EU-Kommission ausgearbeitete Entwurf des Corona-Hilfspakets einen solchen Verweis auf die Taxonomie. Zwar wurde die Klausel auf dem anschließenden Länder-Gipfel zunächst wieder aufgeweicht, es ist aber dennoch davon auszugehen, dass EU-Mittel zukünftig verstärkt für Taxonomie-konforme Aktivitäten zur Verfügung gestellt werden, bzw. dass die Taxonomie als eine Ausrichtungsgrundlage zum Tragen kommen wird.

Direkte Auswirkungen ergeben sich für die europäischen Förderbanken. Sie verfolgen die Klimaschutzziele der EU und unterstützen diese durch entsprechende nachhaltige Finanzierungen. Die EIB hatte daher bereits am Tag der Verabschiedung der Taxonomy-Verordnung durch das EU-Parlament ihren ersten Taxonomie-konformen Climate Awareness Bond mit einem Volumen von 1 Mrd. EUR und einer Laufzeit von 15 Jahren begeben. Die Anleihe stieß auf großes Interesse und war sechsfach überzeichnet. Neben der EIB hat auch die EBRD einen starken Fokus auf die Förderung grüner und kohlenstoffarmer Initiativen und will den Anteil nachhaltiger Investments – wie kürzlich berichtet – bis 2025 auf 50 % steigern.

Es ist zu erwarten, dass auch die nationalen Förderbanken zukünftig ein breites Angebot an Fördermöglichkeiten für Taxonomie-konforme Aktivitäten aufbauen werden. Die KfW hatte bereits im März 2020 ihre Klimaschutzoffensive für den Mittelstand vorgestellt, in der zinsgünstige Darlehen in Verbindung mit Klimazuschüssen für Taxonomie-konforme Finanzierungsbedarfe im Umfang von jährlich 100 Mio. EUR zur Verfügung gestellt werden.

Ein erheblicher Einfluss ergäbe sich auch aus der Ausrichtung von Subventionen nach den Kriterien der Taxonomie. Allein zum Thema Landwirtschaft, für das die EU jährlich über 58 Mrd. an finanziellen Mitteln zur Verfügung stellt, finden sich im Anhang zum technischen Bericht der TEG Ausführungen im Umfang von etwa 70 Seiten – und das, obwohl das EU-Umweltziel „Schutz und Wiederherstellung von Biodiversität und Ökosystemen“ noch gar nicht beleuchtet wurde.

Inwieweit die Regulatoren in diesem Bereich eine Bereitschaft zu den im Sinne der EU-Umweltziele erforderlichen signifikanten Anpassungen entwickeln, bleibt abzuwarten. Es wird jedoch deutlich, dass der Transformationsprozess mit Vorlage der Taxonomie nun in eine neue Phase übergeht, in der auf Seiten der Politik die Entwicklung konkreter regulatorischer Maßnahmen und Instrumente im Vordergrund steht. Für Finanzmarktakteure gilt es nun die Auswirkungen der Taxonomie auf das eigene Produktportfolio und die Kernprozesse zu verstehen und die nötigen Kapazitäten zur Integration des Themas in das Kerngeschäft aufzubauen. Bis 31.12.2020 sollen die spezifischen Regelungen zu den zwei klimabezogenen EU-Umweltzielen in entsprechenden delegierten Rechtsakten verabschiedet werden und ab dem 31.12.2021 Anwendung finden. Es ist also höchste Zeit mit der Vorbereitung zu beginnen. 

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