Der Sustainable Finance Beirat hat geliefert!

Foto: Bundesministerium der Finanzen

Mit Bedacht wählte der Sustainable Finance Beirat das Datum für die Veröffentlichung seines Abschlussberichts am heutigen Donnerstag, denn heute vor genau zwei Jahren fiel die Entscheidung des Staatssektretärsausschusses für nachhaltige Entwicklung eine Deutsche Sustainable Finance Strategie zu entwickeln und einen Beirat zur fachlichen Unterstützung zu gründen.

Seither hat sich mit Blick auf das Thema Sustainable Finance vieles verändert

Die einstige Nische, die lange Zeit vom breiten Mainstream der Finanzwirtschaft als Enklave der Weltverbesserer belächelt wurde und einfach nicht mit dem Weltbild klassischer Finanzmarktakteure vereinbar schien, hat sich zum Megatrend gemausert und ist heute in aller Munde.

Längst geht es dabei nicht mehr „nur“ um das Weltverbessern. Sustainable Finance ist vor allem deshalb spannend geworden, weil die Politik in den vergangenen Jahren klar gemacht hat, dass sie die einst formulierten Nachhaltigkeitsziele auch durch Anpassungen des regulatorischen Rahmens und durch massive Förderung nachhaltiger Technologien und Infrastruktur dauerhaft unterstützen wird. Gleichzeitig wurde auch nachfrageseitiger Druck auf viele Wirtschaftsakteure erzeugt, der vor allem Anbieter nachhaltiger Produktalternativen im Vergleich zum herkömmlichen Wettbewerb prosperieren ließ. So lieferte der Autobauer Tesla bspw. im ersten Quartal 2019 noch 63.000 Fahrzeuge aus, wohingegen im vierten Quartal 2020 bereits mehr als 180.000 der heiß begehrten E-Autos an Kunden übergeben werden konnten. Der wirtschaftliche Erfolg schlägt sich auch in den Aktienkursen nachhaltiger Unternehmen nieder und ist unter anderem ein Grund dafür, dass nachhaltige Kapitalanlagen in den vergangenen Jahren oft besser performten als ihre konventionellen Pendants.

Das Motto der Finanzwirtschaft in den kommenden Jahren heißt „Shifting the Trillions“

Abgesehen vom Hype um nachhaltige Finanzprodukte und den damit verbundenen finanziellen Chancen für Anleger erfüllt die Finanzwirtschaft jedoch noch eine weitere wichtige Funktion: Sie stellt das Kapital zur Verfügung, das dringend benötigt wird, um die sich aus den Transformationsbestrebungen ergebenden Investitionsbedarfe zu decken. Es werden in den kommenden Jahren Billionen an Kapital für eine nachhaltige Ausrichtung der Wirtschaftszweige benötigt, sodass eine Finanzierung der Transformation rein aus öffentlichen Mitteln heraus schlicht nicht möglich ist. Es muss gelingen auch das private Kapital für Transformationsvorhaben verfügbar zu machen und mit der heutigen Veröffentlichung des Abschlussberichts des Sustainable Finance Beirats, der passender Weise den Titel „Shifting the Trillions“ trägt, liefern die 38 Beirats-Mitglieder nun einige Mosaiksteine, um das Gesamtbild einer ganzheitlich nachhaltig agierenden deutschen Finanzwirtschaft zu vervollständigen.

Konkret formulieren sie Anforderungen in fünf Bereichen. So besteht bspw. großer Bedarf an einem möglichst kohärenten und verlässlichen Politikrahmen. Die Aufgabe in diesem Bereich ist groß, denn die Steuerungsmöglichkeiten der Politik müssen nach Auffassung des Beirats ressortübergreifend eingesetzt werden – und zwar auf Bundesebene auf der Ebene der nachgelagerten Behörden und Einrichtungen sowie bei der förderalen Zusammenarbeit auf Ebene der Länder und Kommunen. Die öffentliche Hand hat in diesem Kontext aus Sicht des Beirats auch eine Vorbildfunktion zu erfüllen und sollte daher bspw. sicherstellen, dass öffentliche Kapitalanlagen und Sondervermögen einer starken Nachhaltigkeitsstrategie folgend investiert werden. Der Beirat hebt ferner die hohe Bedeutung gesteigerter Transparenz auf dem Weg zu einem ganzheitlich nachhaltigen Finanzsystem hervor. Die Maßnahmen zur Erreichung dieser Transparenz sind daher auch vielfältig und reichen von einer Erweiterung der nicht-finanziellen Berichtspflichten auf Unternehmen >250 Mitarbeiter, über die Einführung einer TCFD-basierten Berichterstattung bis hin zur Offenlegung von Nachhaltigkeitsrisiken in der Kreditvergabe und unter einem standardisierten Transformationsszenario.

Dem Beirat ist in Bezug auf die Anforderungen durchaus bewusst, dass der Weg zumindest in einigen Bereichen noch sehr weit ist und dass zügig Kompetenzen aufgebaut werden müssen, um eine breite Transformation der Finanzwirtschaft realisieren zu können. So fordert er bspw. eine gezielte Qualifizierung von Verantwortlichen in der Unternehmensführung, der Finanzberatung, der Kreditprüfung wie auch den Aufsichtsbehörden begleitet von einer breiten Bildungsoffensive zu Sustainable Finance, um auch das Verständnis der Gesellschaft und der vielen Millionen Kleinanleger:innen zu stärken. Die bessere Finanzbildung der Gesellschaft dürfte mittelfristig dazu führen, dass die Nachfrage nach nachhaltigen Kapitalanlagen im Retail-Bereich weiter ansteigt und erhöht so auch den Druck auf die Anbieter nachhaltiger Finanzprodukte.

Mit Blick auf die zukünftige Weiterentwicklung des Finanzproduktportfolios fordert der Beirat unter anderem die Einführung eines Klassifizierungssystems für nachhaltige Finanzprodukte in Anlehnung an die EU-Offenlegungsverordnung sowie das Verknüpfen der Förderbedingungen für bereits geförderte Anlageformen wie die Riesterrente oder das VL-Sparen mit Nachhaltigkeitskriterien. Eine weitere Empfehlung sieht die Schaffung von Vergünstigungen bei der Versteuerung der Erträge aus nachhaltigen Finanzprodukten vor.

Es wird deutlich, dass in den acht Sitzungen des Beirats und den diversen Workshops ein wirklich umfassendes Maßnahmenpaket erarbeitet wurde, dessen Umsetzung einen hohen Koordinierungsaufwand mit sich bringen wird. Hierzu empfiehlt der Beirat die Schaffung einer zentralen Koordinierungsstelle angesiedelt im Bundesministerium der Finanzen und im Hinblick auf das Monitorring unterstützt von einer noch einzurichtenden unabhängigen Begleitstruktur. Ob diese Begleitstruktur neu geschaffen wird oder an bestehende Formate anknüpft, wird in den nächsten Wochen zu klären sein, in denen es auch um die Überführung der Beirats-Empfehlungen in die deutsche Sustainable Finance Strategie gehen wird.

Es bleibt nun abzuwarten, wie mutig die verantwortlichen Ministerien bei der Entwicklung der Strategie sein werden. Ein uninspiriertes, lethargisches Vorgehen ist jedoch insbesondere in Zeiten eines näher rückenden Wahlkampfes, in dem das Thema Nachhaltigkeit neben der Pandemiebekämpfung sicher eine zentrale Rolle einnehmen wird, nicht zu erwarten und so ist die Hoffnung groß, dass wir auch am 25.02.2023 auf die vergangenen zwei Jahre werden zurückblicken können und über die Fortschritte auf dem Weg hin zu einer nachhaltigen deutschen Finanzwirtschaft ins Schwärmen geraten.

Zum vollständigen Bericht des Sustainable Finance Beirats gelangen Sie übrigens hier

Teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Kontaktieren Sie uns

*Pflichtfelder