Der Weite Weg zur Taxonomie-Konformität

Foto: sl-f (iStock)

Seit Veröffentlichung der EU-Taxonomie sind einige Monate ins Land gezogen. Seither steht die Frage im Raum, welche Implikationen sich aus der Taxonomie ergeben (zu potenziellen Anwendungsfeldern hatten wir kürzlich berichtet). Unklar war bislang auch, wo die europäische Wirtschaft mit Blick auf die Erreichung der Taxonomie-Vorgaben heute steht. Mit Spannung dürften vor allem Fondsanbieter auf die Antwort gewartet haben, denn die Entwicklung weitgehend Taxonomie-konformer Fonds, die anschließend auch das noch in der Erarbeitung befindliche EU Eco Label erhalten können, wird in den nächsten Monaten sicher in vielen Häusern ein zentrales Thema sein.

Ein Screening der europäischen Wirtschaft zeigt allerdings auch auf, wie weit der Weg gerade in der Realwirtschaft noch ist, um Paris-Kompatibilität zu erreichen, oder zumindest in die Nähe des erforderlichen Ambitionsniveaus im Hinblick auf Klimaschutz zu kommen.

adelphi und ISS ESG präsentieren Status Quo Analyse zur Taxonomie-Konformität

Am vergangenen Montag war es nun soweit: adelphi und ISS ESG präsentierten parallel zum mit Spannung erwarteten EU Sustainable Finance Summit, der in diesem Jahr virtuell stattfand und vom Green and Sustainable Finance Cluster Germany ausgerichtet wurde, ihre Antworten auf die Frage.

In einem vom BMU finanzierten Projekt hatten die beiden Organisationen in den letzten Monaten ca. 400 europäische Großkonzerne zur Teilnahme an einer Umfrage eingeladen. Die Aktivitäten von 75 der eingeladenen Unternehmen wurden letztlich näher untersucht.

Das Fazit: „Es ist noch ein weiter Weg, bis zu einer weitgehenden Taxonomie-Konformität.“  

Mit Blick auf den DAX können etwa 27 % aller wirtschaftlichen Aktivitäten als potenziell Taxonomie-relevant eingeordnet werden. Das heißt, dass diese zu einem der aus Sicht der EU-Kommission besonders relevanten von der Taxonomie abgedeckten Sektoren gehören. Die weitere Analyse dieser Aktivitäten zeigte jedoch, dass lediglich 1 % der Aktivitäten der 30 DAX-Konzerne tatsächlich mit dem Ambitionsniveau der Taxonomie im Einklang steht. Die Autoren der Studie führen die ernüchternden Ergebnisse im Wesentlichen auf zwei Ursachen zurück: Einerseits sehen sie eine hohe Abhängigkeit der Analyseergebnisse von den angewendeten Berichterstattungspraktiken. Andererseits sind die Ergebnisse für den DAX im Vergleich zum CAC40 und zum EURO STOXX 50 besonders schlecht ausgefallen, weil in Deutschland vor allem Unternehmen aus dem Maschinenbau und der Automobilindustrie im Leitindex vertreten sind. Vor allem der Automobilsektor schien die deutschen Ergebnisse belastet zu haben.

Die Situation könnte besser sein, als die Studie es suggeriert

Ein wenig Hoffnung ist dem Bericht der zwei Organisationen jedoch auch zu entnehmen. So weisen adelphi und ISS ESG beispielsweise darauf hin, dass eine Ursache für die schwachen Ergebnisse auch in der bislang unzureichenden Abdeckung potenziell relevanter Wirtschaftsaktivitäten durch die Taxonomie liegt. Sie soll mittelfristig sechs Themenfelder abdecken. Bislang enthält sie allerdings lediglich Aktivitäten mit Bezug zu zwei dieser sechs Felder, den Bereich „Klimaschutz“ sowie den Bereich „Anpassung an den Klimawandel“.

Gleichzeitig bemängeln einige der befragten Unternehmen laut der Analyse, dass inkrementelle Aktivitäten, die zwar langfristig nicht mit dem <2°C-Ziel vereinbar seien, aber kurzfristig zu einem geringeren Treibhausgasausstoß führen, von der Taxonomie nicht erfasst werden würden.

Kurzfristig macht dies Hoffnung, dass das Bild nicht ganz so schlecht ist, wie von adelphi und ISS ESG gezeichnet, doch unter langfristiger Perspektive wird deutlich, welche erheblichen Herausforderungen in den nächsten Jahren auf die europäische Wirtschaft zukommen, wenn sie zumindest im Hinblick auf den Klimawandel das notwendige Ambitionsniveau erreichen will. 

Die Berichterstattung muss sich verbessern

Den weiteren Ausführungen im Bericht ist zu entnehmen, dass offensichtlich ein hohes Frustrationsniveau bei einigen der befragten Unternehmen herrschte. So verweisen viele Passagen des Berichts auf vermeintliche Unzulänglichkeiten der Taxonomie, die zu Unklarheiten bei der Allokation von Umsätzen zu Taxonomie-konformen Aktivitäten geführt hätten. Es wurde zudem kritisiert, dass ein Großteil der erforderlichen Informationen gemäß allgemeinen Offenlegungsstandards bisher nicht, oder nicht in der erforderlichen Granularität veröffentlicht werden müsste und dass eine der Taxonomie Rechnung tragende Berichterstattung erhebliche zusätzliche Aufwände verursachen würde.

Diese Kritikpunkte von Seiten einzelner Unternehmen sind keinesfalls neu, wenn es um eine Verbesserung der Offenlegungspraxis zu Nachhaltigkeitsfragestellungen geht und schon seit Jahren wird angemahnt, dass eine Verbesserung der Berichterstattung essentiell ist, um Investments und Finanzierungen besser nachhaltig ausrichten zu können. Geschehen ist bislang in vielen Großkonzernen wenig, weshalb die Abwehrhaltung einiger Unternehmen im Kontext der Studie nicht überrascht.

Das eine Anpassung der Berichterstattung für eine bessere Erfassung Taxonomie-konformer Aktivitäten erforderlich werden wird, hat aber auch eine jüngst von UN PRI veröffentlichte Studie bereits ergründet. Die Weichen in diese Richtung sollten daher zeitnah von Seiten der Politik gestellt werden. Ohne jeden Zweifel wird der Erfolg der Taxonomie aber zukünftig ganz generell von ihrer Anwenderfreundlichkeit abhängen. Es ist daher für die involvierten Akteure von großer Bedeutung, diesen Aspekt nicht nur bei der inhaltlichen Weiterentwicklung der Taxonomie, sondern auch bei der Erarbeitung von Leitfäden und anderen Elementen der Umsetzungsunterstützung mitzudenken.  

Relevanz der Taxonomie wird angezweifelt

Bedenklich ist vor allem, dass einige Unternehmen die grundsätzliche Relevanz der Taxonomie für das eigene Geschäft anzweifeln. So wird im Bericht darauf verwiesen, dass wegen der historisch niedrigen Zinsen kaum Druck zur Anwendung der Taxonomie bestünde. Hier liegt ohne Zweifel in der aktuellen Marktlage eine große Gefahr, weshalb es von entscheidender Bedeutung für den Erfolg der Taxonomie sein wird, ob Investoren und Banken aber auch die Politik den Druck zur Taxonomie-konformen Berichterstattung erhöhen.

Es bleibt nun abzuwarten, welche Ergebnisse andere Studien dieser Art in den kommenden Monaten hervorbringen werden, doch schon jetzt dürfte jedem klar sein: Die von adelphi und ISS ESG vorgestellten Ergebnisse zeigen vor allem, dass europäische und insb. deutsche Großkonzerne noch ganz am Anfang ihres Weges in Richtung einer <2°C kompatiblen Wirtschaftsweise stehen.

Die von führenden Experten als potenzieller „Game Changer“ bewertete EU-Taxonomie hat somit in einem ihrer ersten Anwendungsfälle zumindest eines bereits erreicht: Sie hat mehr Transparenz zum derzeitig unbefriedigenden Status Quo der europäischen Wirtschaft im Hinblick auf den Klimaschutz geschaffen und die Handlungsfelder aufgezeigt, an denen die verschiedenen Akteure aus Politik und Wirtschaft mit Akribie weiterarbeiten sollten.

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