Klimarisikoanalysen brauchen Standards

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Ein Gastbeitrag von Julia Anna Bingler (ETH Zürich) und Chiara Colesanti Senni (CEP)

Es ist an der Zeit für gemeinsame Analyseprinzipien, standardisierte Offenlegungstemplates und eine harmonisierte Dokumentation der Methoden.

Klimarisikoanalysen sind eine Herausforderung. Sich mit ihnen auseinanderzusetzen ist jedoch unverzichtbar. Sie sind herausfordernd wegen der Vielzahl der verfügbaren Methoden. Sie sind auch deshalb eine Herausforderung, weil die Tools oft nicht gut dokumentiert sind. Und sie sind eine Herausforderung, weil das Verständnis der Analyseansätze Kenntnisse in mehreren Disziplinen erfordert. Die Komplexität finanzieller Klimarisiken bedingt, Klimawissenschaft und Klimamodellierung in mikro- und makroökonomische Auswirkungen und schließlich in finanziell entscheidungsrelevante Indikatoren zu übersetzen. Diese Herausforderungen müssen überwunden werden. Die gute Nachricht jedoch ist: Sie können überwunden werden.

Es besteht dringender Handlungsbedarf: Klimabedingte finanzielle Risiken sind für Finanzmarktakteure und Finanzaufsicht von zunehmender Bedeutung. Sie könnten sogar die nächste systemische Finanzkrise auslösen, wie kürzlich von einer Arbeitsgruppe der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) dargelegt wurde.

In der Praxis verwenden viele Akteure zum Verstehen und Bewerten dieser Risiken oft die durch Wissenschaft, Finanzdienstleistungsunternehmen oder NGOs entwickelten Klimarisiko-Analyseinstrumente. Somit haben diese Instrumente erheblichen Einfluss auf die Bewertung und das Management der Klimarisiken der jeweiligen Unternehmen. Bis heute gibt es keinen gemeinsamen Standard, wie qualitativ hochwertige, vergleichbare und entscheidungsrelevante Ergebnisse gewährleistet werden können. Die Aufsichtsbehörden waren bisher zögerlich bei der Regulierung der Ansätze. Dies führte einerseits zu mangelnder Standardisierung, die auch höhere Informations- und Suchkosten für die Nutzer*innen mit sich bringt. Andererseits förderte dies aber auch notwendige Innovationen.

Es ist in der Tat nicht sinnvoll, spezifische Methoden und Ansätze vorzuschreiben. Klimarisikoanalyse kann verschiedenste Sektoren, Geschäftsbereiche und Vermögensklassen betreffen. Die vielfältigen Ansätze und Methoden tragen dieser Tatsache Rechnung. Um jedoch sicherzustellen, dass die Analyse, das Management und die Offenlegung von Klimarisiken von hoher Qualität, Vergleichbarkeit und Entscheidungsrelevanz für Finanzmarktakteure und Finanzaufsicht sind, braucht es gemeinsame Standards. 

Dies ist eines der wichtigsten Ergebnisse unseres kürzlich veröffentlichten Arbeitspapiers (Taming the Green Swan: How to improve climate-related financial risk assessments), in dem wir mit Hilfe einer deskriptiven und kriteriengestützten Analyse 16 Klimarisikoinstrumente untersuchen.

Der Stand der Dinge

Generell decken jene Instrumente, die prinzipiell verschiedene Vermögensklassen abbilden, die an der Börse gehandelten Wertpapiere dank der standardisierten Datenoffenlegung und Datenverfügbarkeit deutlich besser ab, als andere Vermögensklassen. Projektkredite, Hypotheken und Realvermögen sind bei Multi-Asset Ansätzen noch nicht ausreichend abgedeckt – trotz der Tatsache, dass Klimapolitik oft unmittelbaren Einfluss auf die Rentabilität und Amortisation einzelner Projekte hat, oder auch speziell auf den Gebäudesektor abzielt. Eine breitere Erfassung verschiedener Vermögensklassen innerhalb desselben methodischen Rahmens würde die Vergleichbarkeit der Risikoanalyse verschiedener Vermögensklassen innerhalb eines Portfolios erheblich verbessern.

Die meisten Tools berechnen Finanzkennzahlen wie Value-at-Risk, Ausfallwahrscheinlichkeit oder Kreditrating. Wenn diese nicht direkt durch das Tool berechnet werden, können Nutzer*innen den Output der Tools (wie beispielsweise Änderungen der Kosten oder der Einnahmen eines Unternehmens) in der Regel zum Berechnen der Kennzahlen in eigenen Modellen verwenden.

Die meisten Tools analysieren politische Transitionsrisiken. Zudem gibt es für Marktrisiken und Technologierisiken, sowie für die unterschiedlichen Realisierungen der Risiken (als Schock oder geordneter Übergang), immer mindestens ein Tool. Allerdings decken nur wenige Tools alle Risikoquellen und die Wechselwirkungen zwischen ihnen ab – trotz der Tatsache, dass sich die Risikoquellen gegenseitig verstärken könnten.

Die meisten Tools verwenden für die konkrete Analyse entweder die Szenarien verschiedener Integrated Assessment Models (IAMs) oder die Szenarien der International Energy Agency (IEA). Die IEA-Modelle liefern relativ granulare Daten, weisen jedoch Transparenzdefizite auf und haben das Wachstum der erneuerbaren Energien in der Vergangenheit systematisch unterschätzt. Die IAMs hingegen werden immer wieder wegen ihrer global verallgemeinernden Modellannahmen (top-down Ansatz) kritisiert. Zudem sind die IAMs für Analysen auf Sektorebene oft nicht detailliert genug. Diese Probleme zu beheben ist gerade Gegenstand verschiedener Modellierungsprojekte. Die NGFS-Referenzszenarien sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, um eine bessere Vergleichbarkeit der Ergebnisse der verschiedenen Tools zu gewährleisten. Darüber hinaus ermöglicht Szenarien-Neutralität den Tool-Anbietern, die Tools mit den laufenden Modellentwicklungen möglichst aktuell zu halten, und die Annahmen der Nutzer*innen besser zu berücksichtigen.

Um Qualität, Vergleichbarkeit und Entscheidungsrelevanz der Tools zu beurteilen, analysieren wir in unserer Studie zudem die Überprüfbarkeit, die Tiefe der Risikoanalyse und die Anwendbarkeit der Tools.

Überprüfbarkeit bedeutet, dass die verwendeten Daten, die Toolstruktur und die Ergebnisse der Tools von Benutzer*innen und externen Expert*innen kritisch bewertet werden können. Dazu gehören öffentliche Transparenz des  Tools, eine Strategie zur Qualitätssicherung der Emissionsdaten, und ein wissenschaftsbasierter Ansatz. Bei den meisten Instrumenten führt die Kombination aus geringer öffentlicher Transparenz und Mangel an Peer-Reviews dazu, dass sie noch nicht ausreichend überprüfbar sind bzw. wahrscheinlich noch nicht ausreichend von externen Expert*innen überprüft wurden. Eine standardisierte, öffentliche Dokumentation der einzelnen Elemente der Tools wäre ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Überprüfbarkeit.

Die Tiefe der Risikoanalyse variiert je nach Tool erheblich. Beim Anwenden der Tools sollten sich Nutzer*innen bewusst sein, dass die Tiefe der Risikoanalyse entscheidend ist für die Interpretation der Ergebnisse. Zudem bilden die meisten Tools gegenseitige Risikoverstärkungen und Dominoeffekte am Finanzmarkt nicht ab.

Anwendbarkeit bezieht sich auf die Interpretierbarkeit der Ergebnisse, und darauf, wie gut die Tools Unsicherheiten Rechnung tragen. In diesem Zusammenhang wäre es sehr nützlich, wenn die Aufsichtsbehörden standardisierte Templates zur Kommunikation der Toolergebnisse zusammen mit den Hauptannahmen, den Szenarien und Modellierungsentscheidungen einführen würden. Denn wichtiger als die Ergebnisse an sich ist deren korrekte Interpretation. Darüber hinaus wären die Unsicherheiten der Analyse besser abgebildet, wenn alle Tools anstelle einer Punktschätzung des Risikos standardmäßig eine Wahrscheinlichkeitsverteilung verschiedener Risikowerte auf Grundlage unterschiedlicher Annahmen erzeugen würden.

Wie können Qualität, Vergleichbarkeit und Entscheidungsrelevanz verbessert werden?

Unsere Analyse zeigt: Klimarisikoinstrumente können noch verbessert werden. Es ist gleichzeitig aber auch wichtig, anzuerkennen, dass beim Entwickeln der Tools stets Kompromisse zwischen Komplexität einerseits und Machbarkeit sowie Interpretierbarkeit andererseits eingegangen werden müssen. Es wird wohl niemals das eine perfekte Tool geben, welches alle Kriterien erfüllt und für alle Fälle anwendbar ist. Doch gerade deshalb sind gemeinsame Analyseprinzipien, standardisierte Offenlegungstemplates und eine harmonisierte Dokumentation der Tools zur Verbesserung der Klimarisikoanalysen so entscheidend.

Tool Aufbau und Ergebnisse – Harmonisierte Dokumentation

Bis heute sind die meisten Tools Black Boxes. Die Transparenz ist gering – vor allem, wenn es um öffentlich zugängliche Informationen über den spezifischen Aufbau der Tools geht. Dies erschwert nicht nur die kritische Überprüfung der Tools, sondern macht auch die korrekte Interpretation der Tool-Outputs für Dritte äußerst schwierig. Die Aufsichtsbehörden sollten – auch im eigenen Interesse –  Tool-Anbieter verpflichten, die Tools anhand harmonisierter Berichte zu dokumentieren. Hier wären konkrete Vorlagen zur Dokumentation nützlich, in denen die Struktur der Instrumente, Datenquellen sowie die wichtigsten Annahmen und treibenden Faktoren gut zu finden sind und kritisch überprüft werden können.

Darüber hinaus wäre es sinnvoll, die Ergebnisse der Werkzeuge so zu kommunizieren, dass sie direkt besser interpretierbar sind – z.B. anhand eines standardisierten Satzes, der direkt auch die Hauptannahmen der Szenarien (Temperaturziel, Emissionspfad, Rolle von CCS und Negativemissionen, etc.) und Haupttreiber des Tools (z.B. Elemente der Tiefe der Risikoanalyse) in direkten Zusammenhang mit dem Tool-Ergebnis bringt. Ein solcher Satz könnte beispielsweise wie folgt strukturiert sein: „Unter Annahme XY und Berücksichtigung von Z ergibt sich ABC“.

Nutzung der Tools – Einigung auf gemeinsame Klimarisiko-Analyseprinzipien

Die verschiedensten Institutionen im Bereich Klimarisikoanalyse – Tool Nutzer, Anbieter und Aufsichtsbehörden – sollten sich unter Einbezug wissenschaftlicher Expertise auf gemeinsame Grundsätze und Prinzipien für die Bewertung von Klimarisiken einigen. Unter Anderem sollten folgende Elemente dabei Beachtung finden (vgl. hierzu auch die Draft Principles der Net Zero Asset Owner Alliance):

  1. Statt einer Klimarisikopunktschätzung sollten die Tools standardmäßig eine Wahrscheinlichkeitsverteilung auf Grundlage verschiedener Szenarien und Annahmen generieren.
  2. Emissionsdaten sollten extern validiert sein.
  3. Die Aktualität und Vergleichbarkeit der Ergebnisse sollte erhöht werden, indem die aktuellsten öffentlich verfügbaren Transitionsszenarien aus der Wissenschaft verwendet werden. Die kürzlich veröffentlichten NGFS-Referenzszenarien sind diesbezüglich ein gutes Beispiel, deren Granularität jedoch noch verbessert werden müsste.
  4. Um die Auswirkungen der spezifischen Modellierungsansätze einzelner Tools auf die Ergebnisse zu reduzieren, sollten Klima-Risikoanalysen mit mindestens zwei verschiedenen Tools pro Anwendungsfall durchgeführt werden.
  5. Analysen sollten mindestens einmal pro Jahr durchgeführt werden.
  6. Alle Ergebnisse und die Ergebnisse vergangener Analysen sollten mindestens jährlich offengelegt werden. Letzteres ist besonders wichtig, um die Entwicklung der Risiken (werden sie größer oder kleiner) einschätzen zu können.

Offenlegung – Entwicklung von standardisierten Templates

Das Nutzen der Tools sollte intern ein bewusstes Risikomanagement ermöglichen, und durch Offenlegung der Analyseergebnisse die Datenverfügbarkeit für Dritte (verschiedene Finanzmarktakteure, Aufsichtsbehörden) verbessern. Dazu muss die Offenlegung der Ergebnisse jedoch noch erheblich verbessert werden. Aufsichtsbehörden könnten zusammen mit Finanzinstitutionen, Unternehmen der Realwirtschaft und Tool-Anbietern Templates zur Berichterstattung entwickeln, um sicherzustellen, dass die offengelegten Daten für alle relevanten Akteure gut interpretierbar und entscheidungsrelevant sind. Die standardisierten Templates sollten unter anderem folgende Informationen beinhalten:

  1. Die Ergebnisse der Risikoanalyse und Konfidenzintervalle; oder Wahrscheinlichkeitsverteilung der Ergebnisse je nach Annahmen
  2. Namen und Grundlagen der verwendeten Analyseinstrumente und Ansätze
  3. Modellierungsstruktur und Hauptannahmen, u. A.:
    1. Klimaszenarioannahmen wie beispielsweise: Das Jahr, in dem der Emissionspeak und Netto-Nullemissionen erreicht werden, Annahmen über Emissions- und Temperatur-Overshoot, Anteil Carbon Capture and Storage (CCS) sowie weitere Negativ-Emissionstechnologien und natürliche Emissionssenken, mögliche Nutzungskonflikte in Landnutzung und Forstwirtschaft, etc.
    2. Tiefe der Risikoanalyse

Im Idealfall wären diese Templates maschinenlesbar, um den Datenzugang zu erleichtern und die breite Nutzung der Daten zu beschleunigen.

Erste Aktivitäten im Bereich Analyseprinzipien, Offenlegungstemplates und Tool-Dokumentation sind bereits bei verschiedenen internationalen und nationalen Initiativen zu beobachten, diese müssten jedoch noch strukturiert zusammengeführt werden. Eine Vorreiterallianz könnte beispielsweise im Rahmen des NGFS zusammen mit den Arbeitsgruppen von IIF, UNEP-FI, TCFD und der Net-Zero Asset Owner Alliance entstehen. In Bezug auf standardisierte Offenlegung haben sich jüngst CDP, GRI, IIRC und SASB zusammengetan, um einen einheitlichen Standard zu entwickeln. Die Überprüfung der NFRD auf EU-Ebene bietet einen weiteren Ansatzpunkt, die verschiedenen Akteure und Initiativen aufeinander abzustimmen.

Auch wenn die Tools nicht perfekt sind, macht es Sinn, sie zu benutzen. Nur so können sie weiterentwickelt und auf die Bedürfnisse der anwendenden Institutionen zugeschnitten werden. Letztendlich ist dies auch wichtig, um die Datenverfügbarkeit durch Offenlegung der Klimarisiken zu verbessern.

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