Klimaschutzselbstverpflichtung: Implikationen für Genossenschaftsbanken

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Im Juni gaben 16 Akteure der deutschen Finanzindustrie die Unterzeichnung der „Klimaschutzselbstverpflichtung der Deutschen Finanzindustrie“ bekannt. Die Zielsetzung: Bankgeschäft im Einklang mit den Pariser Klimaschutzzielen, also mindestens 2°C-kompatibel, zu gestalten, um so die dringend notwendige Transformation der Wirtschaft zu ermöglichen. Der Fokus liegt also ganz eindeutig auf dem Kerngeschäft der Unterzeichner – ihren Kredit- und Investmentportfolios. Die Voraussetzung dafür sind demnach valide Messansätze, anhand derer die Klimaauswirkungen der Portfolios erfasst und bewertet werden, denn erst auf Basis aussagekräftiger Kennzahlen kann entsprechend der Pariser Klimaziele gesteuert werden.

Die Selbstverpflichtung selbst hat allerdings nicht nur Begeisterung ausgelöst. Die auf Finanzdienstleister spezialisierte NGO Urgewald kommentierte die Bekanntgabe der Selbstverpflichtung mit „Deutscher Finanzsektor springt zu kurz“. Der Grund: Zu wenig konkrete Vorgaben, wie die unterzeichnenden Akteure die Ziele messen und erreichen sollen, wodurch „Wildwuchs und ein Wünsch-Dir-Was“ drohe (Urgewald, 2020).

Sicherlich liegt Urgewald hier nicht falsch, die latent vagen Ziele sind eine Schwachstelle der Selbstverpflichtung. Gleichzeitig übersieht die NGO ein wesentliches Problem: Es gibt bislang keine fertigen Messkonzepte und damit eben auch keine konkreten Vorgaben zur Umsetzung. Insbesondere die korrekte und vergleichbare Erfassung von Scope-3-Emissionen ist alles andere als trivial und folgt bislang keinem Standardkonzept, das sich – mal eben so – einheitlich und organisationsübergreifend implementieren ließe. Grundsätzlich können (und sollten auch) unterzeichnende Akteure mit der Größe der Deutschen Bank oder BNP Paribas, die eigenständige Teams im Bereich Nachhaltigkeit beschäftigen, die Energie aufbringen, die notwendige Expertise zu entwickeln. Ähnlich machbar ist es sicherlich auch für Kirchen- und andere Spezialbanken mit Nachhaltigkeitsfokus, die das entsprechende Wissen bereits seit Jahren aufbauen. Der deutsche Finanzsektor besteht jedoch nicht nur aus Groß- und Nischenbanken. Ganz im Gegenteil: In Deutschland gibt es derzeit noch 377 Sparkassen (Sparkassenzeitung, 2020) und 841 genossenschaftlich organisierte Volks- und Raiffeisenbanken (Statista, 2020). Dass auch diese Banken sich auf den Weg machen und Nachhaltigkeit nicht länger in ihrer Geschäftsperipherie hinter, zwar völlig legitimen und wichtigen, aber im Hinblick auf den Klimawandel wenig hilfreichen Maßnahmen, wie Sport- und Kultursponsoring, verstecken, sondern Nachhaltigkeit in ihr Kerngeschäft holen, ist in Anbetracht ihrer Gesamtvolumina von wesentlicher Relevanz für die Erreichung der Pariser Klimaziele. Genau in diesen Instituten aber fehlt es an der notwendigen Expertise – Analyse- und Messverfahren von Umweltrisiken, Klimabilanzierung oder die Bewertung von Kapitelanlagen aus Nachhaltigkeitssicht – sind bislang kaum bis gar nicht in kaufmännische Ausbildungen oder wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge integriert. Personelle und zeitliche Ressourcen das erforderliche Knowhow intern zu entwickeln wiederum fehlen in der Regel ebenfalls. Nicht zuletzt bestehen mitunter sprachliche Hürden, da die meist internationalen Brancheninitiativen (PCAF, TCFD, UNEP FI, SBTi-FIs, etc.) ihre Empfehlungen überwiegend auf Englisch veröffentlichen. All das sind sicherlich auch Gründe dafür, weshalb mit der Hausbank der EDEKA-Gruppe, der Edekabank, drei Kirchenbanken und natürlich der GLS Bank, kein weiteres genossenschaftliches Institut (und am Rande: auch nicht eine einzige Sparkasse) bislang die Klimaschutzselbstverpflichtung unterzeichnet hat.

Erschwerend kommt hinzu, dass genossenschaftliche Institute größtenteils regional oder mit einem spezifischen Branchenfokus – wie bspw. die Apobank – arbeiten. Ihre Kreditnehmer sind auf der Firmenkundenseite also nicht die Großunternehmen, die bereits Nachhaltigkeitsberichte mit ggf. passenden Kennzahlen und Angaben zu Klimastrategien veröffentlichen, sondern KMUs, wie Handwerker*innen, Einzelhandel oder auch produzierende Betriebe, die nicht von der CSR-Richtlinie erfasst werden, demnach nicht zur Offenlegung ihrer Klimaperformance verpflichtet sind. Veröffentlichungen wie das Merkblatt zu Nachhaltigkeitsrisiken der BaFin (Dezember 2019) oder der EZB (Juni 2020) führen deshalb eher zu einer Schockstarre der Institute als zu ihrem Fortschritt. Es stellt sich also die Frage: Was sind, für genossenschaftliche Institute, praktikable Ansätze, um die Umweltauswirkungen ihrer Portfolios zu erfassen? Die Frage zielt damit also nicht darauf ab, mit welchen Maßnahmen Portfolios ganz grundsätzlich nachhaltiger gestaltet werden können (Ausschlusskriterien, Best-In-Class, Positive Screening, etc.). Diese sind im Übrigen, zumindest theoretisch, auch bekannt, denn sowohl wissenschaftliche Literatur als auch Branchenempfehlungen, die sich damit auseinandersetzen, gibt es – beides auch auf Deutsch – zuhauf (z.B. Barthruff 2014; CRIC, 2020; Schäfer, 2014; Stüttgen, 2017).

Stattdessen zielt die Frage auf die Messung und, vor allem, Erfassung physikalischer Größen, die Einfluss auf die globale Erderwärmung haben. Denn – zur Erinnerung – das Ziel ist es, die Erderwärmung möglichst auf 1,5°C zu begrenzen. Es gibt zwar viele klimarelevante Einflussgrößen, besonders relevant sind und bleiben jedoch die CO2-Emissionen (und weitere Treibhausgase wie Methan und Lachgas werden im Übrigen in CO2-Äquivalente umgerechnet), sodass es durchaus sinnvoll ist, sich auf die Erfassung von CO2-Emissionen zu konzentrieren. (Randnotiz: diese Empfehlung bezieht sich auf die Messung der Klimaauswirkungen im Sinne der Klimaschutzverpflichtung, nicht auf die Bewertung von Wertpapieren im Allgemeinen – hier sollten weitere Kennzahlen Berücksichtigung finden, die Aussagen zu Transformationswille und -fähigkeit (Gibt es wissenschaftsbasierte Klimaschutzziele? Wie transparent berichtet das Unternehmen? Welchen Beitrag leisten die Produkte des Unternehmens zu den Nachhaltigkeitszielen der UN? Gibt es Umweltmanagementsystem? Wie gewährleistet das Unternehmen den Schutz von Menschenrechten?, etc.) zulassen.

Nur: woher diese Zahlen zur Emissionsintensität beziehen? Was das Anlagegeschäft betrifft, ist die Sache noch relativ einfach. Eine recht komfortable Größe ist hier die sog. Emissionsintensität, die das Verhältnis der CO2-Emissionen eines Unternehmens zu seinem Umsatz beschreibt. Sie kann zwar bspw. durch Konjunkturschwankungen,  Unternehmenszusammenschlüsse oder einer wenig präzisen Sektorzuordnung Verzerrungen unterliegen, hat sich jedoch als Standard etabliert und kann daher recht unkompliziert erworben werden, auch deshalb, weil es entsprechende Datenlieferanten – inzwischen zahlreiche – gibt, und es werden immer mehr. Darunter sind etablierte wie ISS oekom oder sustainalytics, aber auch Union Investment verfügt über derlei Datensätze. Aber auch hier: das Einkaufen der Daten allein genügt nicht und fertige (und noch weniger einfache) Antworten auf die Frage, wie sie in den bankeigenen Scope-3-Emissionen zusammengefasst werden sollen, gibt es nicht, wie der gerade erst veröffentlichte Entwurf der PCAF (also der Organisation, deren Hauptzweck die Entwicklung von Carbon Accounting-Methoden ist) auf schlanken 107 Seiten zeigt. Ein simples Summieren generierter Emissionen und Subtrahieren vermiedener und abgebauter Emissionen genügt demnach wohl kaum. Zu überlegen ist auch, wie mit Branchen verfahren werden soll, die zwar selbst Emissionen generieren, aber deren Produkte und Dienstleistungen erheblich dazu beitragen, Emissionen einzusparen – man denke an Windparkhersteller, Bahnunternehmen oder Recyclingunternehmen.

Während im Anlagegeschäft wenigstens die Datenbeschaffung noch einfach ist, gilt das für Genossenschaftsbanken im Kreditbereich eben nicht. Weder veröffentlichen die von ihnen finanzierten Betriebe Klimabilanzen, noch erstellen sie sie. Abermals weniger gilt das natürlich für Privatkund*innen. Kurz gesagt: Es gibt die Daten schlichtweg nicht. Und angenommen, es gäbe sie: Welche Emissionen flößen mit ein? Die des laufenden Betriebes oder den der finanzierten Maschine? Beides? Und für welchen Zeitraum? Es könnte sich also bei der einen oder anderen Bank der Gedanke einschleichen: Wozu das Ganze verfolgen, wenn es gar nicht geht? Warum mit etwas so Kompliziertem beschäftigen, wenn selbst die internationale Bankengemeinschaft keine Lösungen kennt?

Erstens: Ganz einfach, weil es Lösungen geben muss. Wenn wir Paris ernst nehmen und das müssen wir, dann reicht ein „irgendwie, ein bisschen, nachhaltiger werden“ nicht aus. Wir benötigen dann quantitative Ziele, d.h. Emissionsreduktionsziele, die auf Basis wissenschaftlicher Prognosen die Dekarbonisierung unserer Wirtschaft bis 2050 herbeiführen. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Messung der von Banken finanzierten Emissionen, der erste notwendige Schritt ist. Der erste Schritt, um Szenarioanalysen durchzuführen, Ziele zu definieren und Anlage- und Kreditentscheidungen entsprechend zu steuern. Erst ein robuster, transparenter und vereinheitlichter Messansatz ermöglicht, informierte Entscheidungen über die Festlegung von Zielen, Strategien und Maßnahmen, die zur Dekarbonisierung der Wirtschaft erforderlich sind, zu fällen. Andernfalls manövrieren Banken blind durch den Klimaschutzdschungel. Und zweitens: Nur weil die Bankenwelt das Thema bislang nicht kennt, bedeutet es nicht, dass es nicht schon Standards gibt (siehe GHG und PCAF), wie eine systematische und konsistente Erfassung relevanter Emissionen aussehen sollte. Wo also anfangen als Genossenschaftsbank? Vordergründig geht es darum, die Datenerfassung vorzubereiten. Dazu drei Empfehlungen:

Punkt 1) Es braucht jemanden, der sich des Themas annimmt. Er oder sie sollte im Kern drei Eigenschaften mitbringen: Nachhaltigkeits- und Zahlenaffinität, und ausreichend gute Englischkenntnisse, um sich die Fachliteratur aneignen zu können. Es muss dafür nicht jemand neu eingestellt werden, aber er oder sie sollte entsprechenden Freiraum erhalten sich in die neue Aufgabe hineindenken zu können, also im Idealfall andere Aufgaben abgeben. Eine Liste relevanter Einstiegsliteratur ist unten verlinkt (insbesondere PCAF, 2020; GHG, 2004; 2011; 2013). Darüber hinaus finden sich auch immer Gesprächspartner*innen in anderen Banken, die sich bereit auf den Weg gemacht haben. Die in der Klimaschutzselbstverpflichtung enthaltene, erklärte Absicht sich „gegenseitig dabei [zu] unterstützen, die notwendigen Fähigkeiten bei jedem beteiligten Finanzakteur aufzubauen“, schließt Banken, die bislang nicht offiziell Unterzeichner sind, aber in Erwägung ziehen es zu werden, gewiss nicht aus.

Punkt 2) Für die Eigenanlagen besteht ein erster Anfang vor allem darin die Frage der Datenakquise zu klären, auf passende Dienstleister zuzugehen und sich nach den Möglichkeiten, die Emissionsintensitäten der Eigenanlagen zu erhalten, zu erkundigen. Empfehlenswert scheint es hier insbesondere, auf die Union Investment und den Genossenschaftsverband einzuwirken und den Bedarf entsprechender Daten zu signalisieren. Je mehr Banken nachfragen und ihr Interesse aufzeigen, desto eher werden auch diese Organisationen sich mit dem Thema auseinandersetzen. Also: nachfragen, am besten mehrfach.

Punkt 3) Für Ihre Kredite: Sicherlich sind je nach Branche unterschiedliche Kategorien relevant, weshalb zunächst Firmenkunden sinnvoll gruppiert werden sollten. Liegt dann eine Übersicht vor, kann branchenweise analysiert werden, wofür mehrheitlich die Kredite vergeben werden. Hierin liegt allerdings meist die eigentliche Krux – nicht überall werden Kreditzwecke erfasst, oder aber sie sind im Hinblick auf Klimaaspekte nicht aussagekräftig. Banken, die diesen Weg gehen, sollten bei der Zuordnung der Kreditzwecke darauf achten, idealerweise Kategorien zu definieren, die relativ homogen im Hinblick auf ihre Emissionen sind, also bspw. zu vermerken, wenn Kund*innen Elektrowagen anstelle eines Autos mit Verbrenner finanzieren, ob es sich um einen Gebäudesanierungsmaßnahme, Solaranlage oder eine spezielle Backmaschine handelt. Alternativ besteht die Möglichkeit der Schätzung. Dazu würden typische Kreditnehmer*innen und ihre finanzierten Vorhaben als Basis genutzt und die damit verbundenen Emissionen für das Kreditportfolio hochgerechnet. Das GHG beschreibt dazu verschiedene Vorgehensweisen im Detail (vgl. GHG 2013, S. 153ff.). 

Kurzum: Die Komplexität des Themas mag mitunter abschrecken, hat man sich aber einmal mit den Standards beschäftigt, wird vieles bereits klarer. Ausschlaggebend ist also anzufangen – auch und gerade im genossenschaftlichen Sektor.

Referenzen

Barthruff (2014): Nachhaltigkeitsinduzierte Kreditrisiken.

CRIC (2020): Nachhaltige Finanzen. Durch aktives Aktionärstum und Engagement Wandel bewirken.

GHG (2004): The Greenhouse Gas Protocol. A Corporate Accounting and Reporting Standard, URL: https://ghgprotocol.org/corporate-standard.

GHG (2011): Corporate Value Chain (Scope 3) Accounting and Reporting Standard, URL: https://ghgprotocol.org/standards/scope-3-standard.

GHG (2013): Technical Guidance for Calculating Scope 3 Emissions, URL: https://ghgprotocol.org/scope-3-technical-calculation-guidance

PCAF (2020): The Global Carbon Accounting Standard for the Financial Industry. Draft Version for Public Consultation, URL: https://carbonaccountingfinancials.com/consultation-signup

Schäfer (2014): Institutionelle Anleger und nachhaltige Kapitalanlagen.

Stüttgen (2017): Ethik und von Banken und Finanzen.

Urgewald (2020):  Klima-Selbstverpflichtung: Deutscher Finanzsektor springt zu kurz, URL: https://urgewald.org/medien/klima-selbstverpflichtung-deutscher-finanzsektor-springt-kurz.

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