Der sino-amerikanische Konflikt – eine Chance für mehr Nachhaltigkeit?

Foto: Dilok Klaisataporn (iStock)

Es ist nun knapp einen Monat her, dass die USA offiziell dem Pariser Klimaabkommen den Rücken gekehrt haben. Die Dramatik dieses letzten formalen Akts, der sich an eine beinahe vierjährige Politik der Aushöhlung US-amerikanischer Klimaschutzregulatorik anschließt, hätte die internationale Klimapolitik sicher bis ins Mark erschüttert. „Glück gehabt!“ werden viele klimabewusste Menschen rund um den Planeten nun denken, denn der designierte nächste US Präsident hatte bereits frühzeitig erklärt, dass er den Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen an seinem ersten Amtstag rückgängig machen wird.

Es wird dennoch Zeit brauchen, um die Schäden der letzten vier Jahre zu beheben. Nicht jeder Beschluss lässt sich von heute auf morgen wieder zurückdrehen. Viele kluge Köpfe, die in den letzten Jahren zentrale politische Positionen geräumt haben – auch viele Wissenschaftler – werden ihre neuen Jobs nun nicht einfach aufgeben, um da weiterzumachen, wo sie aufgrund des politischen Drucks der Trump-Regierung aufhören mussten. Und dennoch traut man es den Amerikanern zu, auch mit Blick auf die großen ökologischen Probleme des Landes gestärkt aus der Situation hervorzugehen. Hoffnung geben vor allem die unzähligen Nachhaltigkeitsinitiativen, die durch einzelne Bundesstaaten, Städte und Gemeinden aber auch viele Konzerne und Bürger in den letzten Jahren vorangetrieben wurden. Sie zeigen: Es gibt auch in den USA viele Menschen, die die Notwenigkeit eines raschen Handelns zur Vermeidung der schwersten Klimafolgen erkannt haben und sich selbst von einer zuwiderhandelnden US-Regierung nicht ausbremsen lassen.

Der Kampf gegen den Klimawandel wird nicht nur in den USA entschieden.

Selbst wenn die USA nun dem Abkommen wieder beitreten und selbst wenn sie die Treibhausgase einem 1,5°C-Szenario entsprechend reduzieren, heißt das jedoch längst nicht, dass der Kampf gegen den Klimawandel gewonnen ist. Die mit Abstand meisten Treibhausgase werden, absolut betrachtet, heute schließlich nicht von den Nordamerikanern, sondern von China emittiert. Sie überstiegen mit mehr als 10 GtCO2e im Jahr 2018 die Emissionen der US-Amerikaner (5,41 GtCO2e) fast um den Faktor 2. Auf Platz drei im globalen Ranking liegt Indien mit 2,65 GtCO2e. Bewertet man die Treibhausgasemissionen pro Kopf, dann zeigt sich, dass die US-Amerikaner (15t/a) im Ranking der Staaten nach wie vor weit vor den Chinesen (6,8 t/a) und den Indern (1,7 t/a) liegen. Die Tendenz vor allem in den genannten asiatischen Ländern ist allerdings stark steigend und bislang bleibt weitgehend unklar, wie die Dynamik der letzten Jahre gebrochen und die Entwicklung der Treibhausgasemissionen vom Streben nach mehr Wohlstand entkoppelt werden kann.

Welch große Herausforderungen in Entwicklungsländern und insbesondere in China mit Blick auf Nachhaltigkeitsaspekte bestehen, zeigt auch die Analyse nachhaltiger Investmentfonds. Werden Investmentfonds heute auf Basis der von Ratingagenturen zur Verfügung gestellten Kennzahlen analysiert, so zeigt sich bei nahezu allen Auswertungen eine hohe negative Korrelation zwischen der Nachhaltigkeitsleistung des Fonds und dem Anteil chinesischer Aktien im Investmentportfolio.

Die Minderperformance chinesischer Unternehmen im Hinblick auf die erwähnten Kennzahlen führt dazu, dass diese vor allem in nachhaltigen Fondsprodukten zumeist stark unterrepräsentiert sind. Ein Blick auf den MSCI Emerging Markets-Aktienindex zeigt, dass ganze 40,9 Prozent des Index auf Unternehmen aus dem Reich der Mitte entfällt. In seinen nachhaltigeren Pendants, dem MSCI Emerging Markets SRI-Index oder dem MSCI EM SRI Select Reduced Fossil Fuel entfallen hingegen lediglich 18,6 Prozent bzw. 19,4 Prozent auf chinesische Titel. Noch gravierender werden die Unterschiede beim Emerging Index von FTSE Russell (47,6 Prozent chinesisch) und seiner an Nachhaltigkeitskriterien orientierten Schwester-Benchmark, dem FTSE4Good Emerging Index (10,8 Prozent chinesisch).

Doch sind chinesische Unternehmen tatsächlich schwarze Schafe, wenn es um nachhaltiges Wirtschaften geht?

Die Antwort: Wir wissen es nicht so genau! Fakt ist, dass in China nach wie vor viele verarbeitende Unternehmen ansässig sind, die dort vor allem aufgrund verhältnismäßig niedriger Personalkosten produzieren. Hoher Kostendruck und geringe Margen führen ohne Zweifel dazu, dass vor allem ökonomische Überlegungen das Handeln der verantwortlichen Manager leiten. Nachhaltigkeit mag in dieser Situation häufiger in den Hintergrund treten als andernorts. Fakt ist aber auch, dass chinesische Unternehmen  – auch aufgrund der noch unzureichenden chinesischen Regulatorik in Bezug auf strukturierte und standardisierte Offenlegung – erhebliche Defizite im Bereich der Kommunikation aufweisen. Wer sich in der Vergangenheit auf die Suche nach aussichtsreichen chinesischen Investments begeben hat, der wird erlebt haben, dass oft schon die Geschäftsberichte vieler chinesischer Unternehmen eine Zumutung für das Auge westlicher Investoren sind. Die kommunikativen Schwächen spiegeln sich auch in der Nachhaltigkeitsberichterstattung wider. So zeigt ein tieferer Blick in die Daten von Nachhaltigkeitsratingagenturen, dass chinesische Unternehmen zumeist nicht aufgrund schlechter Nachhaltigkeitsleistungen mit schwachen Ratings versehen sind. Diese resultieren stattdessen vielmehr aus fehlenden Daten, die bei den meisten Ratingagenturen automatisch zur Vergabe der schlechtesten Rating-Note führen.   

Für den nachhaltigen Investor ergibt sich aus der Unterrepräsentanz chinesischer Unternehmen in seinen nachhaltigen Fondsprodukten zunächst kein wirkliches strukturelles Problem. Und auch für die betreffenden chinesische Unternehmen dürften sich hieraus kurzfristig keine Probleme ergeben – zumindest nicht, solange nachhaltige Investoren und Fonds noch eine Minderheit an den Aktienmärkten repräsentieren. Aus einer ganzheitlichen Sicht heraus sollte es allerdings für nachhaltig orientierte Finanzmarktakteure von höchstem Interesse sein, dass die Unternehmen im Reich der Mitte den Mehrwert umfassender Nachhaltigkeitsberichterstattung erkennen, relevante Daten offenlegen und damit perspektivisch auch stärker in nachhaltigen Fondsprodukten vertreten sind. Das Land repräsentiert schließlich etwa 28% der globalen Treibhausgasemissionen und es braucht Investitionen in nachhaltige Unternehmen und Technologien, um Emissionen in Einklang mit den Pariser Klimazielen zu reduzieren.

Verhandlungen zum Delisting chinesischer Aktien an den US-Börsen könnten eine Chance für mehr Nachhaltigkeit sein.

Aus einer Nachhaltigkeitsperspektive heraus wäre ein Delisting chinesischer Unternehmen an den US-Börsen – so wie es von Donald Trump immer wieder angeregt wurde und so wie es heute im US-Repräsentantenhaus zur Abstimmung steht – eher kontraproduktiv. Ein solcher Schritt würde vermutlich zur Folge haben, dass viele chinesische Unternehmen schlicht ein alternatives Listing bspw. an den chinesischen Börsen anstreben. Die Relevanz ausländischer Investoren für chinesische Unternehmen würde perspektivisch eher sinken und der Druck auf die Unternehmen, sich den Offenlegungsanforderungen der westlichen Welt anzunähern, abnehmen.

Deutlich mehr wäre hingegen gewonnen (zumindest, wenn es um die Vermeidung von Betrug geht), wenn in den Verhandlungen über ein zukünftiges Listing chinesischer Aktien an den US-Börsen eine deutliche Verbesserung der Finanzberichterstattungspflichten in China erreicht werden würde. Die Verhandlungen mit den Chinesen sollten die US-Amerikaner dann aber auch nutzen, um gleichzeitig eine Verbesserung der Offenlegung von Nachhaltigkeitsaspekten anzustoßen. Ein Blick auf die internationale Börsenlandschaft zeigt, dass die Anzahl der Börsen, die Offenlegung von ESG-Daten als zwingende Voraussetzung für ein Listing vorgeben, seit einigen Jahren stetig steigt. Man befände sich mit einer solchen Initiative also durchaus in guter Gesellschaft und die heutige Abstimmung über den Holding Foreign Companies Accountable Act könnte letztlich nicht nur als einer der letzten Angriffe des scheidenden US-Präsidenten auf unliebsame konkurrierende Staaten, sondern als Auftakt einer Transparenzinitiative in die Geschichtsbücher eingehen, die letztlich nicht nur zur Vermeidung von Betrug am Finanzmarkt, sondern auch zur Förderung nachhaltigen Investierens beitrug.

Zur Wahrheit gehört allerdings, dass der Weg bis hierhin noch weit ist. Es wird nun auch an Joe Biden liegen, den bestehenden sino-amerikanischen Konflikt zu befrieden und hierbei stets den Blick auf die sich bietenden Chancen zum Anstoß von Transformation in anderen Staaten zu wahren. Gut, dass der designierte nächste US Präsident dem Multilateralismus wieder deutlich mehr Raum geben wird und ebenfalls gut, dass der Kampf gegen den Klimawandel gemäß seiner Built Back-Better-Kampagne zu seinen obersten Prioritäten zählt.

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